
Wer kennt dies nicht.
Man ist auf einer Party, in einer Bar oder auf einer Familienfeier und neben sich hört man jemanden etwas sagen mit dem man ganz und gar nicht einverstanden ist.
Die meisten würden dir sagen, „lass sie einfach reden“.
Doch ehrlich gesagt.
Wir sollten uns wieder streiten.
Mehr noch, wir sollten uns mit Worten die Köpfe einschlagen. Die verbalen Fäuste uns gegenseitig ins Gesicht hämmern und verbal auf einander eintreten.
Ob gepflegt im Stil des Rhetorischen Streits, ob als Waschebauschstreit á la Talkshow, der Diskussion oder als Wilder Streit in blutigen Arenen der Worte.
Weg mit dem Maulkorb, „das sollte man vermeiden“-Gedöns und her mit dem Streit.
Gönnt euch nichts. Ja es dürfen dabei auch Tränen fließen. Es darf auch laut hergehen und einander niedergebrüllt werden.
Denn wir müssen lernen mit einander zu streiten. Egal ob in der Familie, auf Arbeit mit Kollegen oder Vorgesetzten oder im Parlament.
Weg mit den Knigges und ihren Verteufelungen des politischen und religiösen Streits. Raus mit dem Stock im Arsch und rein in den blutigen und auch teilweise unter die Gürtellinie gehenden Streits. Ab in die „verbalen Faustkämpfe.
Denn nur wer streitet ist auch ehrlich zu einander.
Wie oft erleben wir Feste im Kreise der Familie oder der Kollegen wo sich doch jeder nur gegenseitig etwas vorheuchelt weil keiner dem Mumm hat offen mit einander zu streiten.
Mir ist der Streit, eher sogar der wilde, rauche, schmerzhafte Streit lieber als die Heuchelei der Harmonie.
Dabei sollte jedoch bei einem Streit stehts manches Bedacht werden.
Jeder hat zu verschiedenen Dingen eine andere Meinung und jede Meinung ist per se scheiße. Die eigene genauso wie die des Gegenübers. Man muss die Meinung des anderen nicht gut finden, man darf sie sogar offen scheiße finden und dies dem gegenüber auch so sagen.
Doch, einem anderen die Äußerung seiner Meinung zu verbieten ist grundlegend falsch und einer Streitkultur unwürdig. Genauso unwürdig ist es, dem anderen seine Menschenwürde abzusprechen oder sich über ihn lustig zu machen. Menschengruppenfeindlichkeit (also Rassismus in all seiner Couleur) kann ein Streitthema sein, jedoch sollte man sich tunlichst davon fernhalten im Streit seinem Kontrahenten rassistisch zu beleidigen oder ihn entsprechend lächerlich zu machen.
Jeder kann offen im Streit seine eigene Meinung kundtun, er muss jedoch mit Wiederworten rechnen und sie über sich ergehen lassen, egal wie schmerzhaft sie sind.
Denn ein Streit ist keine Einbahnstraße wie eine Kundgebung, Demonstration oder sonstige einseitige Meinungsäußerung. Daher unterliegt der Streit auch nicht dem Meinungsparadox.
Im Streit treffen oft zwei komplett gegenseitige Ansichten auf einander. Zwei Welten die so unterschiedlich nicht sein können. Es ist somit nicht verwunderlich wenn der Streit dann auch verbal unter die Gürtellinie geht und manchmal auch obszön und verletzend sein kann.
Ja am Anfang tut streiten weh. Aber auch nur weil wir nicht gelernt haben zu streiten. „Ihr sollt euch nicht streiten, vertragt euch.“ Diesen Satz kennt jeder seit Kindesbeinen an und ehrlich gesagt, dieser Satz ist scheiße. Er erschuf eine Wattebauschwelt in welcher jeder versucht nicht anzuecken und sich stehts anpasst. Jene die in dieser Welt aus dem Rahmen fallen werden sofort ausgegrenzt.
Das fehlen einer Streitkultur führt aber auch zu anderen Szenen. Wie zum Beispiel der Opferrollenstrategie. Eine Heulsusenpolitik mit der man Stimmung macht und eine angebliche „Meinungsdiktatur“ daher predigt.
Sorry, aber wer seine Meinung äußert muss sich gefallen lassen, dass man ihr widerspricht, ob leise oder laut. Es gibt keine Pflicht zur Akzeptanz von Meinungen, lediglich den Appell die Meinung des anderen wenigstens zu tolerieren (also zu erdulden/zu ertragen).
Daher, lernt miteinander zu streiten. Je mehr, je öfter und je verbal-blutiger um so gehärteter geht ihr daraus hervor.
Nur weil nicht jeder deine Meinung unwidersprochen zu stimmt und dir beipflichtet heißt es nicht, dass dich keiner mag und Du nichts wert bist.
Ja es wird sogar vorkommen, dass andere um dich herum dich und deinen Mitstreitenden als negativ empfinden. Doch das liegt nicht an dir, sondern daran, dass die anderen noch nicht gelernt hat zu streiten. Sollt es zu unschönen Situationen kommen, einfach reflektieren und sich bei den unbeteiligten gegebenenfalls für entstandene Unannehmlichkeiten entschuldigen.
Damit Streits nicht aus dem Ruder laufen kann man eine Schlichtungsperson vorab bestimmen oder im Laufe des Streits hinzugezogen werden. Sie sollte euch dabei unterstützen, dass ihr auf eure Lautstärke achtet oder das es nicht in einen physischen Streit ausartet. Egal ob Handgreiflichkeiten oder mehr, physischer Attacken gehören niemals zu einem wilden Streit.
Wenn ihr dann eventuell mit eurem Streit fertig seit empfiehlt es sich eine viertel Stunde allein spazieren zu gehen und den Streit noch mal für euch Revue passieren zu lassen.
Wer im Streit geübt ist wird sich dann meist mit seinem Kontrahenten zusammen an die Bar setzten und mit ihm ein Glas Bier, Wein oder sonstiges trinken. Bei politischen Kontrahenten ist dies je nach Ausgangslage jedoch eher unwahrscheinlich und zu akzeptieren.
Zu Beginn kann es auch passieren, dass man sich zeitweise aus dem Weg geht. Daher ist die Schlichtungsperson ratsam, da sie einem wieder zur Vernunft rufen kann.
Es gibt jedoch auch Streits zwischen Personen die sich dann von einander entfremden und nichts mehr mit einander zu tun haben wollen. Dies gibt es und dies sollte man auch akzeptieren.
Generell gilt aber auch, im Zweifelsfall sollte man wenn nötig sich psychologische Beratung suchen. Denn gerade das Minderwertigkeitsgefühl kann gefährlich sein und sollte durch professionelle Hilfe behandelt werden.
Meinungsparadox ist angelehnt am Toleranzparadox.
„Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, doch nicht jede Meinung hat das Recht geäußert zu werden. Denn dort wo die Äußerung der eigenen Meinung zur Einschränkung der Freiheit des anderen dient endet das Recht auf freie Meinungsäußerung. Denn wenn wir jede Meinung das Recht auf freie Äußerung geben wird eines Tages das Recht auf freie Meinungsäußerung enden.
Wir Popper sagte: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“
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